Bevor ich mich dem Kampf mit der Tastatur noch einmal aussetze, habe ich einfach gleich auf Deutsch geschaltet. Irgendein seltsamer Fehler erschwert außerdem die Eingabe eines großen D: Zuerst muss man Shift rechts drücken, dann schnell hinterher das d. Bloß nie Shift links oder die Tasten gleichzeitig. Ich liebe meinen Computer trotzdem – und finde heraus beim Tippen des Wortes, dass es sich mit dem großen C genauso verhält. Na bravo.
Ein Wort der Warnung im Voraus: Falls demnächst ein mir bekanntes Gesicht in Manchester weilen sollte, so bitte ich, mir doch einfach zwei Tage vorher per Mail Bescheid zu geben. Das ist die sicherste Möglichkeit, mich zu erreichen. Vielleicht auch drei Tage – Ich bin recht nachlässig im Abrufen meiner E-Mails unter der Woche. Was auch und vor allem an der Arbeit liegt.
Ja, die Arbeit. „In einer Welt, in der man nur aufsteht, damit man täglich roboten geht, ist die einzige Aufregung, die es noch gibt, das allabendliche Fernsehbild.“ Aber: Ist das so schlimm? Wir haben hier einen tollen Sender, More4, der den ganzen Tag fast nur Dokumentarfilme zeigt. Schon mal viel besser als in Deutschland, wo die einzigen Dokumentationen die vierunddreißigste Version von ‚Hitlers Hunde’ oder schlecht produzierte Filmchen über das Leben in der Kalahari sind. Hier würde man nicht im Traum auf die Idee kommen, einen Film ausschließlich mit alten Zeitzeugen und sepia-farbenen Fotografien bestreiten zu wollen. Schließlich ist das hier Das Fernsehen – das schauen die Leute eben weil sie Opas Kriegsgeschichten schon zu oft gehört haben. Wir haben doch nicht bewegte, klingende Bilder erfunden, um nun einer mit Klaviermusik untermalten Diavorführung beizuwohnen, die sich auf einer Leinwand im Gemeindehaus weitaus authentischer angefühlt hätte. Und ums Gefühl geht es doch letzten Endes.
Hier hat man das begriffen. Hier sind die Bilder bunt, bunter als die Realität – so bunt, dass man sich manchmal wundert, warum das Leben der Vertriebenen in der russischen Steppe mehr Farbtöne aufweist als die Reeperbahn bei Nacht. Ist nur meine Realität so grau? Liegt es an mir, dass ich einen Bildschirm brauche, um zu sehen, wie intensiv farbliche Wahrnehmung in der Welt sein kann? Und warum ist mir dieser Grauschleier in all den Jahren ohne Fernsehen nie aufgefallen?
Was soll’s; man malträtiert mich nicht um zehn Uhr abends mit Fotografien aus dem ersten Weltkrieg. Wenn schon, dann konsultiert man französische Archive und gräbt ein paar seltene Farbfilme aus. Falls das nicht möglich sein sollte – Mal angenommen, es gäbe ein aufrichtiges Interesse an Chaucers Leben, zum Beispiel – dann wird man den Teufel tun und mir vergilbte Schriften aus dem 14. Jahrhundert vorführen. Nein. Ich werde Chaucer höchstpersönlich, nackt und im Bett mit seiner Frau, sowie am Küchen- und am Schreibtisch erleben. In Farbe (vielleicht aber mit Sepiafilter, um es authentischer wirken zu lassen). Jawohl. Natürlich wird Chaucer nie von sich im Präsenz reden: Er wird beim Schreiben der Canterbury Tales, sozusagen unter Vorwegnahme alles zu Geschehenden, von seinem Tode und dem ihm nachfolgenden Ruhm und Vergessen erzählen. Denn zuviel Realität möchte man dem Zuschauer nicht zumuten. Dafür präsentiert man mir ein paar Experten – die sind hier genauso wichtig wie im deutschen Fernsehen. Und genau wie bei uns wiederholt man jeden Fakt drei Mal (der moderne Mensch hat die Aufmerksamkeitsspanne eines Dreijährigen), hält es aber nicht für notwendig, Namen und Funktion des illustren Historikers/ Sozialwissenschaftlers/ Bibliothekars in regelmäßigen Abständen einzublenden. Ich vergesse dann immer, wer jetzt was und mit welcher Autorität überhaupt nun gerade über das Sujet philosophiert.
Was soll’s, es ist in Farbe und bewegt sich. Was will man mehr beim TV Dinner nach einem Tag im Büro? Dankbarerweise bilden sich die Dokumentarfilmer hier nicht ein, der durchschnittliche Zuschauer sei an einer ernsthaften Durchleuchtung des Themas interessiert; nicht um zehn Uhr abends jedenfalls.
Unterhaltung mit Gehalt, dem ein oder anderen trivialen Faktum und dem guten Gewissen, auch mal wieder was für die Bildung getan zu haben. Nicht mehr und nicht weniger. Anregen lassen, aber nicht aufregen. Nachvollziehen, nicht nachdenken. Zuschauen, und am Ende die Gewissheit haben, dass es um das eigene Wissen so schlecht nicht bestellt sein kann: Die Hälfte der Geschehnisse und Kameraeinstellungen inklusive dräuender Musik im Hintergrund ließen sich präzise vorhersagen.
Allgemeinbildung fürs englische Volk – auch, wenn sie sich an die Geschichte von Mark in der Bibel nicht erinnern können. Im Grunde aber die abendliche Entspannung, auf die ich mich im Bus schon freue. Kochen und More4. Wen interessieren schon Hitlers Hunde?

1 comment:
Hi!
Hat zwar jetzt gar nichts mit dem zu tun, was Du schreibst, aber das ist mir jetzt mal egal!
Haben heute das erste Foto vom zukünftigen neuen Erdenbürger bekommen. Alles ist dran, er/sie zappelt fleissig. Und ganz im Gegensatz zum Vorgänger ist er/sie kleiner als errechnet, vielleicht gibts ja diesmal nicht son Brocken. Aber ich glaube, da kann man jetzt noch gar nichts drüber sagen.
Drück Dir die Daumen, dass sich die tektonischen Aktivitäten während des Festivals in Grenzen halten!
Liebe Grüße vom sprachfähigen Nachwuchs!
die Umständliche Fruchtfliege
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